Motorenmanufaktur trifft auf Start-Up

Früher gab es alle fünf Arbeitsschritte ein neues Protokoll. Für Mechatroniker Tom Miller hieß es: Auf die Informationen vom Kollegen warten, immer wieder zur Mappe mit den Protokollen gehen, um zu checken, ob die nötigen Informationen da sind. Manchmal ging nichts weiter, weil eine Unterschrift fehlte oder ein Dokument war beschädigt, schlimmstenfalls verschwunden. Dann hieß es: Alle Vorlagen noch mal ausdrucken. Alle vorliegenden Abteilungen abklappern und alles noch mal neu protokollieren.

Heute bekommt Tom sämtliche Informationen, die er für seine Arbeit braucht, über eine App und alle Daten aus seinen Arbeitsschritten speist er auch in die App ein. Papier ist Vergangenheit – Tom und seine Kollegen vom Siemens Dynamowerk in Berlin arbeiten digital. 

Im Dynamowerk entstehen komplizierte Maschinen: Antriebe für Industrie und Schifffahrt. Schwere Stahlteile, viel Montage, viel Handarbeit – eine klassische Fabrik. 5thIndustry hat für unser Werk eine App entwickelt, die den Arbeitsalltag in Fertigung und Qualitätsmanagement revolutioniert. 

„Mit der App zu arbeiten ist deutlicher komfortabler als mit Papier“, sagt Tom. Die digitale Qualitätsdokumentation läuft auf den Smartphones und Tablets der 150 Produktionsmitarbeiter sowie auf großen Touchscreens an den Maschinen; die App ist intuitiv bedienbar, in Aufbau und Struktur ähnelt sie den bisherigen Papierprotokollen. Mit dem neuen Digitaltool spart das Dynamowerk Zeit und Geld.

Mehr Tempo, weniger Infoflut 

Das beste Beispiel dafür sind die Seriennummern verbauter Komponenten. Bisher mussten die Mitarbeiter die Nummern an den Bauteilen ablesen und per Hand in die Protokolle schreiben. „Oft passierten Fehler, außerdem musste Einer auf den Eintrag des Anderen warten. Jetzt arbeiten wir parallel“, sagt Tom. „Alles läuft automatisch, niemand muss mehr auf Informationen warten, das allgemeine Tempo ist höher geworden“.

„Außerdem steigt die Transparenz” laut Qualitätsbeauftragten Andreas Schmidt, „Jeder Mitarbeiter hat jederzeit Zugriff auf alle Daten. Gleichzeitig wird er nicht mehr mit Informationen geflutet, die er für seine Arbeit gar nicht braucht.“

Für mich und mein Team ist die App jedoch weit mehr als ein Instrument auf dem Weg in die digitale Zukunft des Werks. Die App steht auch für eine neue Art von IT-Entwicklung. Tom mit zwei Kollegen aus der Fertigung, Andreas vom Qualitätsmanagement, zwei Kollegen aus der IT und ich gehören zum „Protokoll“ Team innerhalb des selbstorganisierten Teams PapierloseZukunft4DW. Zusammen mit den Experten von 5thIndustry identifizierten wir die Probleme, die eine App lösen sollte.

„5i war bei uns im Werk, sie haben sich alle Arbeitsschritte angeschaut, haben uns befragt was uns an den Papierprotokollen nervt, stört, blockiert“, beschreibt Tom das Vorgehen des Digital-Startups. Der Fokus lag auf dem Anwender der App, in klassischen IT-Projekten wissen die Entwickler oft nicht wie der End User die Produkte überhaupt nutzt, im Einsatz tauchen dann die Probleme auf. Im Projekt mit 5thIndustry arbeiteten die Anwender sogar von Anfang an beim Entwickeln des Produkts mit, das sparte typische Irrwege, wir kamen direkt zum Ziel.

Eine unendliche Geschichte

Zu den identifizierten Papierprotokoll-Problemen entwarf 5thIndustry in wenigen Tagen eine erste Version der App. „Wir probierten sie in der Fertigung aus und spielten unser Feedback zurück, 5i modifizierte die App entsprechend, so entwickelte sie sich Schritt für Schritt weiter“, sagt Tom. Nach drei Monaten des kreativen Ping-Pong’s ging der Prototyp der App in Betrieb. 

Doch damit ist nicht Schluss. 5thIndustry ergänzt die App fortlaufend um weitere Funktionen, die sich erst beim Einsatz im Werk ergeben. Elemente aus anderen 5i-Projekten fließen ebenfalls in die App ein, wenn sie für das Werk Optimierungspotenzial bieten. Software as a Service – eine unendliche Geschichte. Unser selbstorganisiertes Team ist vom Projekt mit 5i ohnehin angefixt. „Digital arbeiten, das macht richtig Spaß“, sagt Tom. „Und die Papierprotokolle abschaffen, das war nur der Anfang. Es gibt noch eine Menge bei uns, das sich digitalisieren lässt.“